Social Deals sind toll – manchmal

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Living Socail IconSeit einigen Monaten gibt es ja von allen Seiten Angebote, die mich an einen der Hochflieger und Bauchklatscher der Neuen Markt Zeit erinnern. Für die Leser unter 80 ein kurzer Exkurs: Es gab in Deutschland mal ein Börsensegment, wo zig Internet- und Technologiefirmen sehr schnell sehr reich werden konnten. Das nannte sich Neuer Markt. Damals konnte man eine Würstchenbude mit Internetanschluss und eCommerce Ambitionen  als Hightech-Unternehmen an die Börse bringen und innerhalb weniger Stunden war die Frittenbude mehr wert, als die Deutsche Bank, Daimler und Siemens zusammen.

Ja, das war eine wunderbare Zeit. Doch sie währte nur kurz, denn schon bald stellte sich heraus, dass die Frittenbude auch nur ranziges Frittenöl verwendete und der Betreiber nur zum Spaß eine fleckige Schürze trug, ernsthaft Umsatz und Gewinne wollte der garnicht machen. Und der Internetanschluß funktionierte auch nicht richtig, weil die Telekom den Stecker nicht eingesteckt hatte. Ihm kam es nur darauf an, möglichst ohne größeres Aufsehen über die Haltefrist seiner Aktien zu kommen und ein paar nette Pressemitteilungen zu versenden, die den baldigen Start des weltweiten Currywurstvertriebs ankündigten. Manche Gesellschaften erfanden dann auch so viele Bestellungen, wie das Land, aus dem die Bestellungen angeblich kamen, nicht mal Einwohner hatte. So eine Firma war Metabox. Deren Aktie lief bis auf 300 Euro hoch, bis doch mal jemand nachzählte und der ganze Quatsch aufflog.

Damals gab es auch eine Gesellschaft, die sich letsbuyit.com nannte. Die wollten die Leute wie die Ameisen zum gemeinschaftlichen Einkauf bewegen. Mit Fernsehen und mit viel Aktionärsgeld. Geklappt hat das nicht, weil noch niemand Internetanschluß zuhause hatte. Es wurde dann ruhig, um Social Shopping. Wer mit den ewig tumben und fortwährend nach Kalifornien schielenden Investment-Managern der deutschen Venture Capital-Szene über Social Shopping sprach, wurde ausgelacht und je nach Temperament des Investment-Deppen gar mit Stockhieben aus dem Haus getrieben. Social Shopping war einfach nur tot. Ich erinnere mich an einige Szenen mit Venture Kapital Geber Vertretern, denen ich in 2006 und 2007 innovative Social-Shopping Konzepte anbot, manche haben solche Lachanfälle bekommen, dass sie noch immer in geschlossenen Stationen behandelt werden müssen.

Doch dann gab es (natürlich in USA) Leute, die davon noch nichts gehört hatten. Die blätterten in alten Zeitschriften beim Arzt und fanden einen Bericht über die alte Letsbuyit.com Geschichte unter einigen Kaffeeflecken. Die gründeten dann Groupon und schafften es, mit typisch amerikanischer „klappt schon irgendwie“ Einstellung tatsächlich die üblichen Geldgeber zu überzeugen, ihnen zig Millionen Dollar zu geben und die alte Idee wieder aufleben zu lassen. Bertelsmann, die letzte Mutter von letsbuyit.com beisst sich seitdem andauernd in den Hintern und hat gerade das Spitzenteam ihrer Beteiligungsgesellschaft neu aufgesetzt. Über die bisherigen Amtsinhaber ist nichts bekannt, wer weiß, wo die in Gütersloh verscharrt wurden. Vielleicht hat man in Gütersloh ja mal gelernt, dass der alte Spruch „von nix kommt nix“ gerade im Bereich der Online-Start-Ups nichts von seiner Gültigkeit verloren hat.In USA gibt man für so was wie Groupon gerne mal dreistellige Millionenbeträge, bei den Kosten für die Kriege der USA ein geradezu lächerlich gering anmutender finanzieller Anstoß.

Die Groupon Leute sind dann auch so stolz auf sich, dass sie in der Werbung 5e gerne mal gerade werden lassen. In England gab es dafür gerade mal richtig auf die Schnauze. Denn da hatte man Zugtickets mit 70% Preisvorteil beworben, die es nicht gab und nicht geben wird. Da ist schon die Queen dagegen. Wo käme das Land denn hin, wenn Kreti und Pleti sich plötzlich Zugtickets leisten können. Und so verurteilte man Groupon, diesen Unfug zu unterlassen. Doch Groupon war sich natürlich keiner Schuld bewusst und schob alles auf die dumme, deutsche Agentur. Ha, da sind die alten Feindbilder wieder.

Der Schreiber dieser Zeilen hat jetzt  – von all der Euphorie angesteckt – auch seinen ersten Deal gemacht. Toll. Ich hatte ja erst kürzlich über diese Werbung im Briefkasten geschrieben, die ich für so gefährlich halte. Darauf hatte ich ja im Schweiße meines Angesichts die ganze Wohnung gewienert. Nun ist das schon wieder ein paar Tage her und die Staubberge verdecken die freie Sicht auf den Fernseher schon wieder, auch ist es in der Wohnung aufgrund der Staubstürme schon wieder selbst am Tage so dunkel, dass man sich nur noch mit Taschenlampe über Mülltüten und Papierberge traut. Auch macht die staubige Luft das Atmen zunehmend schwer.

Also muss nun doch ein Reinigungsteam her. Ich orderte also munter gestimmt und in Erwartung baldiger Befreiung aus dem Chaos dreimal drei Stunden Profi-Reinigungsservice über einen der Verfolger von Groupon, der sich Living Social nennt. Living Social hat ja was, wenn man so hinter dem Monitor einstaubt. Das verspricht echtes Leben in der Bude – und wenn es nur von der herumhantierenden Putzfrau kommt.

Deal gemacht – und schon wirkte die Wohnung wie von Zauberhand  irgendwie sauberer. Doch als die Vouchers dann kamen, musste ich einen Termin vereinbaren. Schnell ein paar Zeilen getippt, den Fall für dringend erklärt und abgewartet.

Heute nun kommt die Antwort, da hätte man auch jemand zu Fuß losschicken können, der wäre schneller gewesen, als die Email. Frohen Mutes die Mail geöffnet und prompt den Hintern auf dem Laminat angestossen, denn das hielt mich dann doch  nicht auf dem Stuhl. Die Putzfrau könne dann schon am 15. September kommen. Merke: heute ist der 30. JUNI. Man habe, so der unglückliche Reinigungsservice nicht damit gerechnet, dass man über die Aktion des unbedeutenden Groupon Rivalen so viele Deals verkaufen würde. Über 1.800 Sauberkeitsfanatiker hatten die kleine Firma schier überrollt. Und das dann auch noch zu einem Preis, der ohnehin kaum tragbar ist. Man stelle sich das vor: den 10 ohnehin überarbeiteten Putzfrauen und Putzmännern des Unternehmens steht plötzlich eine Menschenansammlung von 1.800 Leuten gegenüber, die alle skandieren „Macht unsere Wohnungen sauber, jetzt!“

Ich habe auch gerade mal nachgesehen, was denn sonst so gelaufen ist, bei den Social Deals: 1000 Übernachtungen mit mörderischen Dinner, da reduziert sich die Zahl der Buchenden quasi über Nacht. Oder 933 Besucher, die in das Spa von Hilton wollen und dafür sogar 250 Pfund auf den Tisch legen. Gedränge, Geschrei und mal richtiger Streß – da kann man schon für zahlen, wenn man sonst nur im Büro schläft. Über 1000 Gäste wird das London Show-Boat demnächst zum Dinner auf der Themse begrüßen können, ich sehe schon die Schlagzeile: „Showboat nach Besucheransturm gesunken – hunderte werden noch vermisst“.

So gewinnt der Begriff Social Shopping eine ganz neue Bedeutung. Ich jedenfalls überlege mir beim nächsten Mal, ob ich für die Teilnahme an einem Flashmob etwas zahlen möchte. Egal, ob ich dabei 50, 60 oder gar 70 Prozent spare.

 

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